Regenerationsbetreuung und Mentaltraining im Leistungssport: Erfahrungen von der U20-WM
Einige Tage nach meiner Rückkehr aus den USA hatte ich etwas Zeit, die Eindrücke der U20-Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Eugene wirken zu lassen.
Und davon gab es viele, wie bspw. die Verbindung von Regeneration und Mentaltraining im Leistungsport.
Das Hayward Field ist schon für sich genommen beeindruckend. Eine Sportarena, die Leichtathletik lebt und in der bei einer Weltmeisterschaft noch einmal eine ganz besondere Atmosphäre entsteht. Ca. 1900 Athletinnen und Athleten aus 147 unterschiedlichen Nationen, Trainer*innen und Betreuungsteams, Volunteers und Zuschauer – und mittendrin ein österreichisches Team, das sich auf einen der bisher größten Wettkämpfe ihres Lebens vorbereiten.
Für mehr als die Hälfte unserer Athletinnen und Athleten war es die erste Veranstaltung dieser Größenordnung. Einer unserer Athleten war gerade einmal 17 Jahre alt.
Genau das hat mir wieder gezeigt, wie viel mehr hinter sportlicher Leistung steckt als das Ergebnis, das später in einer Ergebnisliste steht.
Wenn plötzlich alles größer wird
Man kann sich auf einen Wettkampf körperlich hervorragend vorbereiten. Man kann Trainingspläne absolvieren, Technik trainieren und seine Leistungen über Monate kontinuierlich entwickeln.
Und dann kommt man an einen Ort wie Eugene.
Ein riesiges Stadion. Internationale Konkurrenz. Akkreditierungen. Call Room. Kameras. eine rießenhafte Vdeowall die alles zeigt. Zuschauer. Andere Abläufe. Eine neue Umgebung und eine Situation, die man vielleicht noch nie erlebt hat.
Für einen jungen Menschen kann das faszinierend sein – gleichzeitig entstehen vollkommen neue Eindrücke und Anforderungen. Der Hormonspiegel in neuer/andersartiger Zusammenstellung kann eine zusätzliche Beeinflussung darstellen, mit der es schwierger wird umzugehen.
Genau hier zeigt sich eine wichtige Fähigkeit: mit einer außergewöhnlichen Situation umgehen zu können, ohne aus den Augen zu verlieren, was man eigentlich tun möchte.
Mentale Stärke bedeutet dabei nicht, keine Nervosität oder Anspannung zu verspüren. Vielmehr geht es darum, diese Reaktionen einordnen zu können und trotzdem handlungsfähig zu bleiben und genau hier ist es von Vorteil wenn Mentaltraining im Leistungssport ebenfalls umgesetzt wird.
Erfahrung kann man nicht vollständig simulieren
Training kann auf vieles vorbereiten, gezieltes Mentaltraining im Leistungssport ebenso.
Eine Weltmeisterschaft kann man nur bedingt simulieren. Mit Mentaltools, sprich Mentaltraining im Leistungsport, kann man jedoch durchaus stark in diese Richtung arbeiten.
Wer zum ersten Mal durch ein großes Stadion geht, den Call Room erlebt oder plötzlich neben den besten Nachwuchsathletinnen und -athleten der Welt steht, sammelt einizigatige Erfahrungen. Ein theoretisches oder mentales Training kann einer solchen Veranstaltung nur teilweise nahekommen. Je professioneller es angesteuert wird, um so höher der Prozentsatz einer perfekten Simulation. So kann man größtmöglichen Erfolg erzielen, obwohl man den Wettkampf natürich nie ersetzen kann.
Und genau deshalb ist ein solcher Wettkampf unabhängig von Platzierungen wertvoll.
Die Athletinnen und Athleten nehmen etwas mit, das ihnen niemand mehr nehmen kann: Erfahrung.
Beim nächsten großen internationalen Wettkampf ist danach vieles nicht mehr neu und so werden Leistungen allgemein qualitativ steigen.
Das Stadion ist vielleicht wieder groß – aber das Gefühl kennt man bereits.
Zwischen Belastung und Regeneration
Ein weiterer Punkt, der während dieser Tage sehr deutlich wird, ist die Bedeutung der Regeneration.
Ein Wettkampf beginnt nicht erst mit dem Startsignal.
Anreise, Zeitverschiebung, Akklimatisation, Training, Spannung vor dem Wettkampf und schließlich die Belastung selbst wirken auf Körper und Kopf.
Meine primäre Aufgabe im österreichischen Team lag in der Massage – Regeneration – Tapingbetreuung. Dabei geht es natürlich um körperliche Voraussetzungen und individuelle Bedürfnisse der Athletinnen und Athleten.
Eine Behandlung kann aber gleichzeitig etwas anderes bewirken: einen Moment heraus aus dem Wettkampfgeschehen.
- Kurz liegen.
- Durchatmen.
- Den Körper wahrnehmen.
- Manchmal reden.
- Manchmal nicht reden.
Auch das gehört zu Regeneration, wenn professioneller Regenerationssteuerung auch mehr bedeutet als diese einfache Regeneration.
Mentale Unterstützung muss nicht immer wie Mentaltraining im Leistungsport aussehen
Eine weitere Erkenntnis hat sich auch bei diesem Einsatz bestätigt:
Mentale Unterstützung besteht nicht zwangsläufig aus einem geplanten Mentalcoaching oder Mentaltraining.
Manchmal entsteht ein Gespräch beiläufig. Manchmal genügt eine Frage. Manchmal hilft es, eine Situation anders einzuordnen. Und manchmal ist es besser, gar nichts zu sagen.
Gerade bei jungen Athletinnen und Athleten ist entscheidend, nicht zusätzliche Erwartungen zu erzeugen.
Sie müssen vor einem wichtigen Wettkampf nicht plötzlich ein anderer Mensch werden.
Sie sollen möglichst auf das zurückgreifen können, was sie sich im Training erarbeitet haben.
Das Vertrauen in die eigene Vorbereitung, der Umgang mit Nervosität, die Konzentration auf beeinflussbare Faktoren und die Fähigkeit, nach Belastungen wieder herunterzufahren, sind Kompetenzen, die weit über den Sport hinausreichen.
Was ich für meine Arbeit und meine Ausbildungen mitnehme
Solche internationalen Einsätze sind deshalb auch für mich wertvoll.
Sie zeigen immer wieder den Unterschied zwischen einer Methode, die man theoretisch kennt, und dem richtigen Einsatz einer Methode bei einem konkreten Menschen in einer konkreten Situation.
Genau diese Erfahrungen aus dem Mentaltraining im Leistungssport fließen auch in meine Mentaltrainer-Ausbildungen ein.
Eine fundierte Ausbildung sollte aus meiner Sicht nicht nur vermitteln, welche mentalen Techniken existieren.
Mindestens ebenso wichtig sind Fragen wie:
- Wann ist eine Intervention sinnvoll?
- Wann genügt eine einzige Frage?
- Wie gehe ich mit Nervosität und Erwartungsdruck um?
- Wie unterstütze ich einen Menschen, ohne ihm meine eigenen Vorstellungen aufzudrängen?
- Welche Rolle spielen Regeneration und körperliche Wahrnehmung?
- Und wann ist es professioneller, einfach zuzuhören?
Mentale Kompetenz zeigt sich für mich deshalb nicht in möglichst vielen Methoden, sondern darin, die passende Intervention zum passenden Zeitpunkt auswählen zu können.
Was bleibt?
Nach der Weltmeisterschaft bin ich am 10. August aus Eugene abgereist und am 11. August wieder in Österreich angekommen.
Danach habe auch ich mir mehrere Tage gegönnt, um herunterzufahren, zu regenerieren und Zeit mit der Familie zu verbringen.
Eigentlich ein passender Abschluss.
Denn eine der Erkenntnisse dieses Einsatzes gilt für Athletinnen und Athleten ebenso wie für Trainer, Betreuer, Führungskräfte und viele andere Menschen:
Leistungsfähigkeit besteht nicht darin, ständig Leistung zu bringen.
Zur Leistungsfähigkeit gehört auch die Fähigkeit, nach einer Belastung wieder herunterzufahren.
Von Eugene bleiben viele Bilder, Begegnungen und Erfahrungen.
Vor allem aber bleibt die Erinnerung daran, wie junge Athletinnen und Athleten eine außergewöhnliche internationale Bühne erlebt haben – manche davon zum allerersten Mal.
Und vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen einer U20-Weltmeisterschaft:
Nicht nur herauszufinden,
wie schnell, weit oder hoch man an diesem Tag sein kann.
Sondern zu erleben:
Ich kann auf einer solchen Bühne bestehen.
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